Samstag, 21. August 2010

Hermano..! Hermaaaanoo..!! CHULIAAAAAANN!!!



Nach 3 Wochen in Bolivien nimmt man das Leben doch irgendwie gelassener.. :

Am Tag des Hundes fängt sich der Durchschnittsbolivianer einen Solchen von der Straße und kleidet ihn ein; Lustiger Anblick am Tag danach, wenn ein aufgestyltes, buntes Straßenköterrudel einem Taxi hinterherjagt... - no importante!

Auch Sicherheit wird relativ. Minibusse, die in Deutschland im Schnitt 9 Personen transportieren, sind in Bolivien standardmäßig auf 19 Personen ausgelegt.. Bei Bedarf dürfen's auch mal 10 mehr sein, schließlich können sich die Kinder auch aufs Amaturenbrett legen und ein Stehplatz im Türrahmen findet sich auch noch (natürlich nur bei geöffneter Tür, versteht sich..). Damit gehts dann quer durch die Stadt – rote Ampeln, Fußgänger oder gar Gehwege stellen hierbei keine Hindernisse dar... - no importante!

Auch die Sache mit der Sauberkeit wird hier anders gehandhabt. 'Der Hausmüll muss rausgetragen werden? - Bitte achte darauf, dass du ihn nicht direkt vor unserem Haus auf die Straße wirfst!'. "Müll" mag sich auch manch Europäer denken, der die Fleischtheken der Märkte sieht oder Essenstände am Straßenrand beobachtet... - no importante!

Was ist hier denn eigentlich "importante"?

Abends mit der Familie zusammen zu sitzen, zu reden, Karten zu spielen und sich um die Probleme der anderen zu kümmern.

Wichtig ist auch, aufzustehen, wenn eine alte Dame den Minibus betritt, und ihr seinen Sitzplatz anzubieten. Im gleichen Bus kann es einem auch des öfteren passieren, dass man eben mal kein Geld bezahlen muss, weil sich der Fahrer freut, dass ein "Gringo", dazu noch ein "Choco" (blondhaariger), den Bus nimmt, wo doch eigentlich nur Bolivianer damit fahren.

Wichtig ist, um alles am Markt zu handeln, sei es auch noch so belanglos. Das tut man in erster Linie nicht, weil es ums Geld geht, sondern weil das Gespräch mit dem gegenüber im Mittelpunkt steht. Am Ende bekommt man die Orange eh geschenkt...

So anders, lustig, aufregend und faszinierend das Leben in Bolivien auch scheinen mag, so gibt es aber auch Schattenseiten, die ich bereits in meinen ersten 3 Wochen kennegelernt habe: Armut, Drogen und schließlich Straßenkinder, wie die von der Auffangstation in Alalay.

Ein Großteil der Kinder in meinem Heim lebten für längere Zeit auf der Straße, wurden wie menschlicher Müll behandelt und schliefen in Abwasserkanälen, da sie an diesem Ort sicher vor anderen Menschen waren. Um den Alltag besser ertragen zu können, schnüffelten viele von ihnen schon im frühesten Kindesalter Kleber, dessen Auswirkungen auch noch jetzt, in ihrem vergleichsweise geborgenem Leben im Kinderheim, sichtbar sind: Neben Verhaltensstörungen, zeigen sich oft Artikulationsschwierigkeiten, manche Kinder wirken auch geistig zurückgeblieben.

Der andere Teil der Kinder kommt aus kaputten Familien, in denen sie ähnliches Leid wie die Kinder von der Straße erfahren haben.

Nichdestotrotz sind die Kinder unglaublich lebensfroh und aufgeschlossen, auch wenn die Grundstimmung immer eine negative bleiben wird.

Mittlerweile bin ich eben auch ein Teil des Lebens der Kinder geworden, helfe ihnen bei ihren Hausaufgaben, spiele und esse mit ihnen und bringe sie schließlich zur Schule. Das sie mir schon nach ca. 1 Woche so viel Vertrauen entgegenbringen, ist schön und traurig zugleich: Ich, ein Fremder, der nur gebrochen ihre Sprache spricht, wird innerhalb kurzer Zeit zu einem wichtigen Person in ihrem Leben, der sie von Liebesbriefen aus der Schule erzählen und der sie aufgeregt von den Geschehnissen am Wochenende berichten. Das liegt eben nicht daran, dass ich so ein herausragender großer Bruder für sie bin, sondern, dass sie außer 2 anderen Erziehern keine anderen Bezugspersonen in ihrem Leben haben.

Nach 8 Stunden "Arbeit" nach Hause zu fahren fällt mir nicht leicht. Leider kann ich die Situation der Kinder nicht grundsätzlich ändern, ich kann nur mein bestes geben, um sie erträglicher zu machen.

... Wenn der Minibus dann an einer Kirche vorbeifährt, alle Insassen sich bekreuzigen und das Fahrzeug danach schlagartig stoppt und wildes gehupe ausbricht, weil ein Esel mit seinem Karren die Straße blockiert, dann bin ich mir wieder sicher: Ich liebe Bolivien!

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